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SCRIPT-Kalender

Der SCRIPT-Gedicht-Kalender zum Advent: Weihnachten naht. Und wir lieben Sprache. Deshalb posten wir auf Facebook unter @scriptconsult vom 1. Dezember bis Weihnachten täglich ein Gedicht. Alle geposteten Gedichte sind hier zu finden. Freut Euch auf Klassisches, Liebliches und Unsinniges.
Viel Spaß beim Lesen und eine besinnliche Adventszeit!

23. Dezember: Kess

Weihnachten
Nikolaus der Gute
kommt mit einer Rute,
greift in seinen vollen Sack –
dir ein Päckchen – mir ein Pack.
Ruth Maria kriegt ein Buch
und ein Baumwolltaschentuch,
Noske einen Ehrensäbel
und ein Buch vom alten Bebel,
sozusagen zur Erheiterung,
zur Gelehrsamkeitserweiterung ...
Marloh kriegt ein Kaiserbild
und nen blanken Ehrenschild.
Oberst Reinhard kriegt zum Hohn
die gesetzliche Pension ...
Tante Lo, die, wie ihr wisst,
immer, immer müde ist,
kriegt von mir ein dickes Kissen. –
Und auch hinter die Kulissen
kommt der gute Weihnachtsmann:
Nimmt sich mancher Leute an,
schenkt da einen ganzen Sack
guten alten Kunstgeschmack.
Schenkt der Orska alle Rollen
Wedekinder, kesse Bollen –
(Hosenrollen mag sie nicht:
dabei sieht man nur Gesicht ...).
Der kriegt eine Bauerntruhe,
Fräulein Hippel neue Schuhe,
jener hält die liebste Hand –
Und das Land? Und das Land?
Bitt ich dich, so sehr ich kann:

Schenk ihm Ruhe – lieber Weihnachtsmann!

(Kurt Tucholsky)

 

22. Dezember: 2

Zwei Wünsche
Ach, zwei Wünsche wünscht’ ich immer
Leider immer noch vergebens.
Und doch sind’s die innig-frommsten,
Schönsten meines ganzen Lebens!

Dass ich alle, alle Menschen
Könnt’ mit gleicher Lieb’ umfassen,
Und dass Ein’ge ich von ihnen
Morgen dürfte hängen lassen.

(Adolf Glaßbrenner)

 

21. Dezember: Frei? Freu?

Das Weinacht-Fest
Kümmt vom Weinen, kümmt vom Weihen, kümmt vom Wein Weinachten her?
So wie jeder ihm sie brauchte, kamen sie ihm ohn Gefehr.
Weil der Welt-Erlöser drinnen in die Welt ist kummen ein,
Sollten sie Frei-nachten heißen, sollten sie Freu-nachten sein.

(Friedrich von Logau)

20. Dezember: Kritischer Advent

Advent
Am Himmel Wolkenjagd, bleifarb'ge Helle,
In Frost erschauernd lag die Flur, die nackte;
Fern sah herüber spukhaft der Soracte,
Und lautlos schlich die gelbe Tiberwelle.

Ein junges Hirtenpaar, in Ziegenfelle
Gehüllt, schritt mit dem Dudelsack im Takte
Dem Tore zu, bis sie die Wache packte
Und unsanft sie hinwegwies von der Schwelle.

Erblichen ist in Rom, ihr guten Kinder,
Der Stern, der einst in Bethlehem erglommen.
Der Felsen Petri ward zur schroffen Klippe.

Und pochtet ihr am Vatikan, noch minder
Wär' dort die Mahnung an den Stall willkommen,
Wo einst das Heil der Welt lag in der Krippe.

(Paul Heyse)

 

19. Dezember: Wie damals?

Weihnacht
Weihnachtsgeläute
Im nächtigen Wind ...
Wer weiß, wo heute
Die Glocken sind,
Die Töne von damals sind?

Die lebenden Töne
Verflogener Jahr'
Mit kindischer Schöne
Und duftendem Haar,
Mit tannenduftigem Haar,

Mit Lippen und Locken
Von Träumen schwer? ...
Und wo kommen die Glocken
Von heute her,
Die wandernden heute her?

Die kommenden Tage,
Die wehn da vorbei.
Wer hörts, ob Klage,
Ob lachender Mai,
Ob blühender, glühender Mai? ...

(Hugo von Hofmannsthal)

 

18. Dezember: Nur noch sechs Tage!

Weihnachten wird es für die Welt!
Weihnachten wird es für die Welt!
Mir aber - ist mein Lenz bestellt,
Mir ging in solcher Jahresnacht
Einst leuchtend auf der Liebe Pracht!
Und an der Kindheit Weihnachtsbaum
Stand Englein gleich der erste Traum!
Und aus dem eiskristall'nen Schoß
Rang sich die erste Blüte los -
Seitdem schau' ich nun jedes Jahr
Nicht was noch ist - nur was einst war!

(Adele Schopenhauer)

 

17. Dezember: Friedvoll!

Winter
Wenn sich das Laub auf Ebnen weit verloren,
So fällt das Weiß herunter auf die Tale,
Doch glänzend ist der Tag vom hohen Sonnenstrahle,
Es glänzt das Fest den Städten aus den Toren.

Es ist die Ruhe der Natur, des Feldes Schweigen
Ist wie des Menschen Geistigkeit, und höher zeigen
Die Unterschiede sich, dass sich zu hohem Bilde
Sich zeiget die Natur, statt mit des Frühlings Milde.

(Friedrich Hölderlin)

 

16. Dezember: Geweihte, heilige Nacht!

Die Weihe der Nacht
Nächtliche Stille!
Heilige Fülle,
Wie von göttlichem Segen schwer,
Säuselt aus ewiger Ferne daher.

Was da lebte,
Was auf engem Kreise
Auf in's Weit'ste strebte,
Sanft und leise
Sank es in sich selbst zurück

Und quillt auf in unbewusstem Glück.

Und von allen Sternen nieder
Strömt ein wunderbarer Segen,
Dass die müden Kräfte wieder
Sich in neuer Frische regen,
Und aus seinen Finsternissen
Tritt der Herr, so weit er kann,
Und die Fäden, die zerrissen,
Knüpft er alle wieder an.

(Friedrich Hebbel)

 

15. Dezember: Wunderbar

Weihnachtswunder
Durch den Flockenfall
klingt süßer Glockenschall,
ist in der Winternacht
ein süßer Mund erwacht.

Herz, was zitterst du
den süßen Glocken zu?
Was rührt den tiefen Grund
dir auf der süße Mund?

Was verloren war,
du meintest, immerdar,
das kehrt nun all zurück,
ein selig Kinderglück.

O du Nacht des Herrn
mit deinem Liebesstern,
aus deinem reinen Schoß
ringt sich ein Wunder los.

(Gustav Falke)

 

14. Dezember: Leise

Die stille Stadt
Liegt eine Stadt im Tale,
Ein blasser Tag vergeht;
Es wird nicht lange dauern mehr,
Bis weder Mond noch Sterne,
Nur Nacht am Himmel steht.

Von allen Bergen drücken
Nebel auf die Stadt;
Es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,
Kein Laut aus ihrem Rauch heraus,
Kaum Türme noch und Brücken.

Doch als den Wandrer graute,
Da ging ein Lichtlein auf im Grund;
Und durch den Rauch und Nebel
Begann ein leiser Lobgesang,
Aus Kindermund.

(Richard Dehmel)

 

13. Dezember:

"Rose is a rose is a rose is a rose"
From: Getrude Stein 'Scared Emily'

http://www.lettersofnote.com/p/sacred-emily-by-gertrude-stein.html



12. Dezember: Großkatzen

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

(Rainer Maria Rilke)

 

11. Dezember: Psst!

Alles still!
Alles still! Es tanzt den Reigen
Mondenstrahl in Wald und Flur,
Und darüber thront das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.

Alles still! Vergeblich lauschet
Man der Krähe heisrem Schrei.
Keiner Fichte Wipfel rauschet,
Und kein Bächlein summt vorbei.

Alles still! Die Dorfeshütten
Sind wie Gräber anzusehn,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehn.

Alles still! Nichts hör ich klopfen
Als mein Herze durch die Nacht -
Heiße Tränen niedertropfen
Auf die kalte Winterpracht.

(Theodor Fontane)

 

10. Dezember: Magischer Klang

Weihnachtsglocken
O Winterwaldnacht, stumm und her,
mit deinen eisumglänzten Zweigen,
lautlos und pfadlos, schneelastschwer,-
wie ist das groß, dein stolzes Schweigen!

Es blinkt der Vollmond klar und kalt;
in tausend funkelharten Ketten
sind festgeschmiedet Berg und Wald,
nichts kann von diesem Baum erretten.

Der Vogel fällt, das Wild bricht ein,
der Quell erstarrt, die Fichten beben;
so ringt den großen Kampf ums Sein
ein tausendfaches banges Leben.

Doch in den Dörfern traut und sacht,
da läuten heut` zur Welt hinieden
die Weihnachtsglocken durch die Nacht
ihr Wunderlied - vom ew`gen Frieden.

(Karl Stieler)

 

9. Dezember: Vorfreude – gesteigert!

Verse zum Advent
Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.

Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.
Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.

(Theodor Fontane)


8. Dezember: Vorfreude

Weihnachten
Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

(Joseph von Eichendorff)

 

7. Dezember: Voller Sehnsucht

Wenn es nur einmal so ganz still wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen ...

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

(Rainer Maria Rilke)

 

6. Dezember: Für Gehirnjogger

Knecht Ruprecht

Von draußen, vom Walde komm ich her;
ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Überall auf den Tannenspitzen
sah ich goldene Lichtlein blitzen,
und droben aus dem Himmelstor
sah mit großen Augen das Christkind hervor.

Und wie ich strolch' durch des finstern Tann,
da rief's mich mit heller Stimme an:
"Knecht Ruprecht", rief es, "alter Gesell´,
heb deine Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
das Himmelstor ist aufgetan,
Alt und Jung sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn,
und morgen flieg ich hinab zur Erden;
denn es soll wieder Weihnachten werden!"

Ich sprach: "Oh lieber Herre Christ,
meine Reise fast zu Ende ist;
ich soll nur noch in diese Stadt,
wo's eitel gute Kinder hat."

"Hast denn das Säcklein auch bei dir?"
Ich sprach: "Das Säcklein, das ist hier;
denn Äpfel, Nuß und Mandelkern
essen fromme Kinder gern."

"Hast denn die Rute auch bei dir?"
Ich sprach: "Die Rute, die ist hier;
doch für die Kinder nur, die schlechten,
die trifft sie auf den Teil den rechten!"

Christkindlein sprach: "So ist es recht;
so geh mit Gott, mein treuer Knecht!"
Von draußen, vom Walde komm ich her;
ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich's hier innen find!
sind's gute Kind, sind's böse Kind?

(von Theodor Storm)

 

5. Dezember: Gülden!

Blüh denn, leuchte, goldner Baum,
Erdentraum und Himmelstraum;
blüh und leuchte in Ewigkeit
durch die arme Zeitlichkeit!

Sei uns Bild und sei uns Schein,
dass wir sollen fröhlich sein,
fröhlich durch den süßen Christ,
der des Lebens Leuchte ist.

Sei uns Bild und sei uns Schein,
dass wir sollen tapfer sein
auf des Lebens Pilgerbahn,
kämpfend gegen Lug und Wahn.

Sei uns Bild und sei uns Schein,
dass wir sollen heilig sein,
rein wie Licht und himmelsklar,
wie das Kindlein Jesus war!

(Ernst Moritz Arndt)

 

4. Dezember: Für Trittbrettfahrer

Der Stern

Hätt einer auch fast mehr Verstand
als wie die drei Weisen aus Morgenland
und ließe sich dünken, er wär wohl nie
dem Sternlein nachgereist wie sie.
Dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest
seine Lichtlein wonniglich scheinen läßt,
fällt auch auf sein verständig Gesicht,
er mag es merken oder nicht,
ein freundlicher Strahl
des Wundersternes von dazumal.

(Wilhelm Busch)

 

3. Dezember: Für gebrochene Herzen

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen Andern erwählt;
Der Andre liebt eine Andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

(Heinrich Heine)

 

2. Dezember: Für Es-zischt-mir-am-Ohr-vorbei-Zuhörer

Zuhören

Zuhören heisst:
hinhören;
innewerden;
den, dem man zuhört,
annehmen,
gelten lassen,
ernst nehmen.

Ein Mensch,
der zuhören kann,
hat Seltenheitswert.
Manchmal kann einer,
der zuhört,
wichtiger sein
als ein Stück Brot.

(Quelle unbekannt)

 

1. Dezember: Zum Auftakt ein Klassiker

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt
und manche Tanne ahnt wie balde
sie fromm und lichterheilig wird.
Und lauscht hinaus: den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin - bereit
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

(Rainer Maria Rilke)

To brexit or not to brexit?

The Script Take 4

 

Fog in Channel ... or what?

Engländer zitieren gerne eine Zeitungsschlagzeile, um ihre nabelschauende Inselperspektive herauszustellen: „Nebel über dem Ärmelkanal – der Kontinent ist abgeschnitten“.
Sie passt gut. Denn deutsche Unternehmen, die Waren und Dienstleistungen nach Großbritannien exportieren, stochern auch nach den jüngsten Festlegungen von Premierministerin Theresa May über den geplanten EU-Ausstieg ihres Landes mit der Stange in extrem dichten Nebel. Nichts ist klar, und wird es wohl auch so schnell nicht werden.

Bis nämlich Fakten geschaffen sind, auf welche neuen Regelungen, Normen, Zulassungen, Zölle, Auflagen und Abläufe sich einzelne Branchen im Großbritanniengeschäft einstellen müssen, werden – wie es derzeit aussieht – noch viele Jahre vergehen. Drei Dinge – mehr politische Bekenntnisse denn Fakten – stehen nun indes im Raum:

Zum einen will London zwischen dem 1. Januar und Ende März 2017 den Artikel 50 des Lissabon-Vertrages auslösen. Damit starten die zwei Jahre in Anspruch nehmenden Ausstiegsverhandlungen mit Brüssel. Im April 2019 könnte London dann die EU formal verlassen haben. Zu anderen, so plant es Theresa May, wird Großbritannien an diesem ersten EU-freien Tag alles bestehende EU-Recht, also alle bislang in Kraft befindlichen Brüsseler Richtlinien und Verordnungen in britisches Recht übernehmen. Über viele Jahre hinweg wird erst dann das britische Parlament in einzelnen Schritten entscheiden, welche EU-Regelungen weiter in Kraft bleiben und welche durch eigene britische Gesetze ersetzt werden. Zuletzt hat Theresa May für die Ausstiegsverhandlungen ausgegeben, dass als oberste Priorität die volle Kontrolle über die Zuwanderung aus der EU erreicht werden soll. Erst in zweiter Linie verfolgt sie das Ziel des unbeschränkten Zugangs zum EU-Binnenmarkt. Zudem will sie nicht nach außen berichten wie die Gespräche laufen.

Für deutsche Unternehmen mit Geschäft in Großbritannien ergeben sich daraus die folgenden Schlussfolgerungen:


1)    Rein rechtlich betrachtet bleibt noch sehr lange alles beim Alten. Bis zum Ausstiegstag im April 2019 ist Großbritannien volles EU-Mitglied. EU-Recht gilt dort in vollem Umfang, wie überall sonst im Wirtschaftsblock. Der Vorteil: Business as usual also mindestens bis April 2019. Der Nachteil: May will nicht von der aggressiven britischen Presse in die Mangel genommen werden, sollte ihr die EU nicht geben, was sie zuhause versprochen hat. Die deutsche Wirtschaft wird während der Verhandlungsdauer also wohl nur scheibchenweise und durch Presseindiskretionen erfahren, wohin die Reise geht und worauf man sich künftig bei Geschäftsbeziehungen nach UK einstellen muss.

2)    Ab April 2019 wird ein weiterhin voll EU-kompatibles Großbritannien dann seine Gesetze Stück für parlamentarisch zurückbauen. Es müssen dabei rund 12.300 EU-Einzelbestimmungen beurteilt werden. Wie dieses Vorhaben endet, hängt von den dann politisch herrschenden Mehrheiten ab, die nach der 2020 stattfindenden Wahl durchaus auch EU-freundlich sein können. Theresa May hat angekündigt, dass sie sogar so wichtige Dinge wie die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel künftig gerne in London entscheiden möchte. Der Nachteil: Das EU-rechtliche Entschlackungsprogramm wird Jahre, vielleicht ein Jahrzehnt oder noch länger in Anspruch nehmen und Unklarheiten bei Unternehmern auslösen. Der Vorteil: In vielen Branchen dürfte das bei Großbritanniengeschäften eine Verlängerung des Business as usual bringen.

3)    Dass May die volle Kontrolle über die Immigration haben möchte, schließt aus, dass es auf eine nur abgeschwächte EU-Mitgliedschaft hinausläuft. Ein „harter“ Brexit ist bisher geplant. May und ihr Team müssen dafür ein komplett neues Freihandelsabkommen mit Brüssel aushandeln, so wie es etwa Canada mit CETA getan hat. Es erfasst, welche Waren und Dienste ohne Schranken zwischen den EU und Kanada verkehren dürfen. Der Nachteil: Ein solches Abkommen wird mehr Handelshürden stehen lassen als eine pauschale EU-Mitgliedschaft. Ein solches Abkommen braucht zudem Jahre, bis es ausgehandelt ist. Seit 2009 wurde etwa CETA ausgehandelt. Grönland, das einzige Land, das jemals die EU verlassen hat, und fast nur über Fischereifragen verhandelte, hat dafür immerhin schon drei Jahre benötigt. Der Vorteil: Für Unternehmen gibt es keinen, weder in der EU noch in Großbritannien. Feststeht: Zwischen dem nun wahrscheinlich gewordenen Ausstiegstag im April 2019 und einem Freihandelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU wird das Land nach den Regeln der WTO mit Europa Waren und Dienste austauschen. Das bedeutet dann z.B. hohen Handelsschranken auf Autos, Medikamente und Landwirtschaftsprodukte – und das vermutlich auf Jahre hinaus.


Nicht umsonst warnt Finanzminister Philip Hammond, dass sich Briten und Europäer, also auch die Unternehmen der beiden Länder, auf „Unsicherheit, Turbulenzen und eine Achterbahnfahrt“ mindestens über die nächsten zwei Jahre einstellen müssen.

Watch this space!

 

Der Autor: Titus Kroder nimmt an dieser Stelle in loser Folge zum Jahrhundertereignis "Brexit" Stellung. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für SCRIPT Consult und war davor langjähriger Großbritannienkorrespondent für deutsche Wirtschaftsmedien wie Handelsblatt und Financial Times Deutschland. Er lebt und arbeitet in London und zeitweise München.

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To brexit or not to brexit? Teil 2

The Script Take 2: To brexit or not to brexit?

Das Chaos ist da – Komm, lass uns nach Hause gehen

Die atemberaubende Amateurhaftigkeit der Akteure hinter dem EU-Referendum in Großbritannien – dem Mutterland uralter demokratischer Prozesse und politischer Institutionen – kommt immer deutlicher zum Vorschein. Eine Frau, Theresa May, wird es nun richten müssen. Mit ihr könnte der „Brexit“ aber auch zum Phantom mutieren – und niemals stattfinden.

„Die Entscheidung soll ein anderer treffen. Ich gehe!“, sagt David Cameron am Tag nach der Abstimmung. „Premierminister, das ist nichts für mich. Ich verzichte gerne!“, gesteht Boris Johnson eine Woche später. „Ich wollte nie Profipolitiker sein und ich will mein Privatleben wiederhaben. Ich trete ab!“, sagt der rechtsnationale Brandstifter Nigel Farage und geht.

Praktisch alle Politiker, die Großbritannien durch das Brexit-Referendum in die größte Staatskrise seit Jahrzehnten gestürzt haben, sind über die letzten Tage in den Ruhestand geflüchtet. Der Grund: Weder der Initiator des Votums noch die siegreichen „Brexiter“ selbst, haben vorher einen Plan für das Danach ausgearbeitet. Wie soll der 60 Millionen Menschen zählende Inselstaat nach der Jahrhundertentscheidung EU-Ausstieg eigentlich weitermachen?

Denkwürdige Entscheidung im Pizzarestaurant
Premierminister David Cameron, der im September abdanken wird, traf die Entscheidung zu der verhängnisvollen Volksabstimmung im Pizzarestaurant „Uno“ am Flughafen von Chicago, gemeinsam mit seinem Stabschef Ed Llewellyn. Beide Männer leitete dabei maximale Naivität. Ihre Maxime: Wir gewinnen sowieso, warum also auch nur die zehn wichtigsten Punkte zum Fahrplan niederschreiben, falls die Briten doch aussteigen wollen. Geschenkt! Passiert ja eh nicht!

„Brexit“-Verfechter Nummer Eins, Boris Johnson, lag wiederum am Herzen, Cameron zu schwächen, um selbst Premierminister zu werden –nichts weiter. Den Briten komplizierte Dinge zu erklären, etwa wie schwierig oder gar unmöglich ein EU-Ausstieg werden kann, der Bevölkerung zu erläutern, dass das Votum nicht rechtlich bindet und dass das EU-freundliche Unterhaus nach Meinung vieler Staatsrechtler eigentlich darüber abstimmen müsste, den Hintergrund zu vermitteln, was es bedeutet, wenn die Londoner Banken abwandern, die rund 10 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes stellen, all das war zu anstrengend für einen Mann, der unter Politikmachen versteht, sich das Haar lustig zu wuscheln und als vornehm sich verhaspelnder Eton-Zögling verunsicherte Briten mit Halbwahrheiten zum „Brexit“ anzustacheln.

Brandstifter Farage wollte nur das eine
Schließlich der finstere UKIP-Chef Nigel Farage. Er ließ in den letzten Tagen vor der Abstimmung von Plakaten sich hunderte von Flüchtlingen auf die Wähler zu drängen, unter der Überschrift „Vor dem Zusammenbruch: die EU hat uns im Stich gelassen“. Blickt man jetzt hinter diese geschmacklose Propagandakollage, hat Farage nicht mehr zu sagen, als dass sein Land ja nun aus der EU austrete – mehr habe er nicht erreichen wollen.

Und auch Michael Gove, neben Johnson das zweite „Brexit“-Gesicht der Konservativen, dürfte in ein paar Wochen Geschichte sein. Zwar hat er seinen Hut in den Ring geworfen, um von Cameron zu übernehmen. Aber die Chancen stehen angesichts auch seiner peinlichen Verwicklungen in die lügenhaften Behauptungen der Aussteigerkampagne nahe Null.

Die Retterin in der Not wartet taktisch ab
Es läuft nun alles auf Theresa May, Camerons bisherige Innenministerin, als neue britische Premierministerin zu. Die kinderlose Tochter eines Vikars, erinnert auch charakterlich an Angela Merkel. Alarm liegt ihr nicht, und sie ist geräuschlos und pragmatisch, wo es nötig ist. May sammelt ihre Truppen leise, kommuniziert kaum über die Presse, tritt aber, wenn es darauf ankommt – etwa bei der Terrorismusbekämpfung – mit voller Schlagkraft auf. Sie hat beim Referendum offen für den EU-Verbleib gestimmt, was ihr bei möglichen Verhandlungen mit Brüssel, mit Angela Merkel persönlich aber auch mit Nicola Sturgeon, der politischen Spitze Schottlands, zupass kommen wird.

Die 59-jährige studierte Geografin May scheint zudem die erste politische Figur der Konservativen zu sein, welche die enorme Komplexität des Vorhabens EU-Ausstieg versteht. Deshalb vermeidet sie, wo es geht, Festlegungen. Rund 80 000 Seiten Einzelverträge mit der EU aufzulösen, ist schließlich keine Kleinigkeit. „Brexit heißt Brexit“, betont May zwar. Doch geht sie auffallend hinhaltend an den Ausstieg heran. Frühestens 2017 will sie die Prozedur des Artikels 50 des EU-Lissabon-Vertrags einleiten. Schon ihr Vorgänger Cameron hat es vermieden, obwohl er es für gleich nach dem Votum angekündigt hatte, das formale Ausstiegsverfahren zu starten.

May wartet taktisch ab, welche Möglichkeiten sich eröffnen. Erstaunlich rasch haben sich die Wirtschaftsdaten Großbritanniens nach dem Votum bereits verschlechtert. Die Notenbank registriert bereits ein erstes Krisenbeben bei kommerziellen Immobilien. Als neue Premierministerin und intelligente Realpolitikerin wird May an einer ausgewachsenen Pfundkrise oder einer Rezession in Großbritannien vorbei nicht einfach den Ausstieg aus dem EU-Binnenmarkt anschieben können.

Sie will zudem beobachten, wie stark Brüssel in den kommenden Monaten unter Druck kommt, etwa durch Volksabstimmungen in Österreich und Italien. So könnte sie vielleicht doch noch den EU-Marktzugang mit mehr Kontrolle über die Einwanderung nach Großbritannien rausverhandeln.

Reue nach dem Votum
Ohnehin zeigen schon jetzt laut Umfragen über 1 Millionen der 17,4 Millionen Briten, die für „Brexit“ gestimmt hatten, dass sie ihr Votum bereuen. Von heute aus betrachtet, ist eine erneute EU-Abstimmung also nicht völlig ausgeschlossen, zumal wenn sich das Parlament für zuständig erklären sollte, Herr über die letzte Entscheidung zum EU-Ausstieg zu sein. Eine Mehrheit für den „Brexit“ findet sich derzeit dort nicht.

Dinge soll man nur dann tun, wenn sie ausgereift sind, sagt Theresa May mit auffallender Merkelscher Bedächtigkeit in den letzten Tagen mehrmals. Mehr auf die Bremse treten kann man kaum. Je länger der formelle EU-Ausstieg aufgeschoben wird, desto unwahrscheinlicher wird er auch. Es war von einem bestimmten Blickwinkel aus ja schließlich auch nicht mehr, als ein Sandkastenstreich „dummer Jungs“, die nun alle nach Hause gegangen sind.

Der Autor: Titus Kroder nimmt an dieser Stelle in loser Folge zum Jahrhundertereignis "Brexit" Stellung. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für SCRIPT Consult und war davor langjähriger Großbritannienkorrespondent für deutsche Wirtschaftsmedien wie Handelsblatt und Financial Times Deutschland. Er lebt und arbeitet in London und zeitweise München.

To brexit or not to brexit?

The Script Take 3

 

Maybe, ... just maybe!

Kochen für den Ehemann, das Wandern ohne Nachwuchs, eine protestantische Pfarrei als Elternhaus, Bedächtigkeit, Beharrlichkeit, Kompromissfähigkeit und die bewusst dezent gehaltene Medienpräsenz. All das mag recht ähnlich sein zwischen Theresa May und Angela Merkel.

Doch, was hilft das der neuen britischen Premierministerin – im Herzen eine moderate EU-Freundin – bei der Jahrhundertaufgabe, dem beschlossenen EU-Ausstieg Gestalt zu geben? Wie will sie aus der heimischen Zwickmühle kommen, dass 52 Prozent der Briten Herr darüber sein wollen, wer in ihr Land kommt während das gros der Wirtschaft das freie Spiel der Kräfte wünscht? Der Brexit-Plan bleibt ein politisches Himmelfahrtskommando.


Drei „Brexiter“ müssen ran

Es ist daher ein intelligenter Schachzug von May, drei der entschiedensten „Brexiter“ ihrer Partei in Ministerposten zu heben, wo sie nun den praktischen Ausstieg erfolgreich umsetzen müssen – oder daran scheitern werden. Boris Johnson wird den Plan global als Außenminister verkaufen. David Davis ihn als „Brexit“-Minister in Brüssel aushandeln. Liam Fox wird als Handelsminister neue Abkommen mit Ländern wie Indien oder China aushandeln, die einmal die EU ein Stück weit ersetzen sollen.

Geht der waghalsige Plan nicht auf, erweist sich der „Brexit“ als wirtschaftliches Desaster für Großbritannien, werden die drei lautstärksten Ideologen des EU-Ausstiegs ihre Köpfe hinhalten müssen. Woraufhin May eine pragmatische Einigung mit der EU anstreben kann. „Brexit heißt Brexit, wir werden ihn zum Erfolg führen“, beteuerte die Britin einmal mehr beim Einzug in 10 Downing Street. Beim genauen Hinhören ist diese Formel ein Gummiparagraph, der selbst einen noch so verwässerten Trennungsdeal mit Brüssel umfassen kann.

Unter bestimmten Bedingungen ein Erfolg

Die Realpolitikerin May weiß, dass der Brexit unter bestimmten Bedingungen sogar „zum Erfolg geführt“ wäre, wenn sie ihn abblasen muss. Etwa weil zu viele britische Unternehmen die Koffer packen. Weil sich die japanischen Autohersteller, von denen die meisten in UK für den EU-Markt produzieren ihre Werke nach Osteuropa umsiedeln. Weil easyJet nun tatsächlich mit dem Firmensitz nach Berlin geht, um weiterhin Flüge in der EU anbieten zu können. Weil Vodafone nach Düsseldorf strebt. Weil das Pfund auf Dollarparität gefallen ist – wo dem Volk doch versprochen wurde, dass bei einem „Brexit“ der Urlaub billiger wird. Sollte es soweit kommen, wird May ihre Liste der Bauernopfer hervorziehen, auf der das Trio Johnson, Davis und Fox bereits stehen dürften.


Das Norwegen-Modell für UK?

Zunächst sollen die drei Männer aber ausloten, was überhaupt umsetzbar wäre an dem Plan, gut 40 Jahre gewachsene Rechts- und Wirtschaftsverbindungen zwischen der EU und Großbritannien zu entwirren und zu kappen. Geht man die Optionen durch, haben die drei keinen großen Spielraum – vorausgesetzt, die EU steht zu ihren Prinzipien. Da ist das viel diskutierte Modell Norwegen. Als Mitglied des European Economic Area (EEA) hat das Land freien Zugang zum EU-Binnenmarkt. Es muss dafür aber EU-Recht umsetzen, Beiträge nach Brüssel überweisen und, mit ein paar Einschränkungen, die Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit aller EU-Bürger akzeptieren. Das Ganze ohne die geringste Mitsprache in Brüssel.

Britische Unternehmer wären mit so einer Lösung wohl zufrieden. Auch die Londoner Banken, die 10 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung ausmachen, dürften bei einem britischen Umstieg von der EU in das EEA weiterhin ohne Zulassungshürden EU-weit ihre Dienste anbieten.

Was würden aber die Millionen von Briten dazu sagen, die den Ausstieg gewählt haben, weil ihnen auch von Boris Johnson das Ende von Massenimmigration und Milliardenüberweisungen nach Brüssel in Aussicht gestellt wurde? Eine solche de facto EU-Mitgliedschaft, ohne dass sie offiziell so genannt wird, würde bei ihnen wohl kaum als „erfolgreicher Brexit“ durchgehen. Mit einem Nachgeben aus Brüssel kann London kaum rechnen. Derzeit sieht die EU den uneingeschränkten Binnenmarkt als die letzte Klammer an, die den unter dem Ansturm diverser Populisten mürbe und fragil gewordenen Staatenbund überhaupt noch politisch zusammenhalten kann.


Oder doch Vorbild Schweiz?

Auch die auf der Insel gepriesene Schweiz-Lösung könnte „Brexit“-Fans nicht zufriedenstellen. Als Mitglied der European Free Trade Association (EFTA) genießen Schweizer Banken und Dienstleistungsfirmen keinen völlig freien Zugang zur EU. Die meisten Schweizer Industrieunternehmen dürfen dagegen ungehindert auf den Binnenmarkt. Das Land muss dafür jedoch Bewegungsfreiheit und Überweisungen nach Brüssel in Kauf nehmen und rund 120 Einzelabkommen mit der EU immer wieder erneuern. Aus britischer Sicht sind die Knackpunkte sofort sichtbar – die Pflichten zu Beiträgen und Bewegungsfreiheit.

Selbst eine reine Zollunion, wie sie etwa die Türkei mit der EU hat, dürfte politisch einem britischen „Brexiter“ nicht zu verkaufen sein. Zwar fallen alle Pflichten weg, was Immigration und Finanzielles angeht. Doch macht es die EU zur Auflage, dass ein Land in Zollunion mit ihr gegenüber Drittländern EU-Außenzölle erheben muss. Aber mit der Welt außerhalb Europas will Großbritannien künftig ja gerade mehr Handel betreiben.

Es gibt weitere Modelle, etwa ein bilaterales Freihandelsabkommen in dem nur selektive Zölle gelten. Die drei von May nun ernannte „Brexit“-Landsknechte Johnson, Davis und Fox sollen sich im Irrgarten der Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten erst einmal die Zähne schärfen oder ausbeißen, wird sich die Premierministerin denken. Deren Scheitern kann sie persönlich politisch überleben. Sie wollte den EU-Ausstieg unter dem Strich ohnehin nicht.


Wahlen 2020 als zweites Referendum

Mehr denn je spielt May also auf Zeit. Den formellen Ausstiegsprozess will sie frühestens 2017 einleiten. Je mehr Zeit ins Land geht, desto mehr könnten die nächsten Unterhauswahlen –  vermutlich 2020 – damit zum zweiten Referendum über einen EU-Ausstieg werden. Kann sie bis dahin die Tories auf ihren pragmatischen EU-Kurs bringen, und sind genug Schwierigkeiten aufgetreten, um die Nachteile des „Brexit“ auch der breiten Bevölkerung zu demonstrieren – zum Beispiel ein empfindlicher Fall der Immobilienpreise – dann kann sie mit einem Pro-EU-Programm sogar eine Wahl gewinnen und das rechtlich ohnehin nicht bindende Referendum vom 23. Juni 2016 politisch überschreiben.

Beim taktischen Gespür dürfte Theresa May derzeit Angela Merkel sogar deutlich überlegen sein.


Der Autor: Titus Kroder nimmt an dieser Stelle in loser Folge zum Jahrhundertereignis "Brexit" Stellung. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für SCRIPT Consult und war davor langjähriger Großbritannienkorrespondent für deutsche Wirtschaftsmedien wie Handelsblatt und Financial Times Deutschland. Er lebt und arbeitet in London und zeitweise München.

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To brexit or not to brexit? Teil 1

The Script Take: To brexit or not to brexit?

Noch sind wir in der Phase, in der die neue Führungsriege der regierenden britischen Konservativen von den Socken ist, dass sie das Referendum tatsächlich gewonnen hat. Boris Johnson hatte fest vor, die Volksabstimmung knapp zu verlieren, um David Cameron für den eigenen Zutritt zu 10 Downing Street zu schwächen. Ein taktischer Winkelzug im politischen Vorgarten von Westminster geriet so zum weltpolitischen Beben.

Bojo wird es nicht
Cameron-Nachfolger wird „Bojo“ nun nicht. Doch auch der wahrscheinlichen, neuen Premierministerin Theresa May ist klar, dass sie Artikel 50 des Lissabon-Vertrags – der den vollen EU-Ausstieg bedeutet – derzeit auf keinen Fall auslösen darf. Sie ahnt, was ihr Wikipedia-Profil in diesem Fall einmal unter „Erreichtes“ melden würde: „Die Banken aus der City of London verjagt, die Schotten und Nordiren aus dem Königreich vertrieben. Herrscher über den wirtschaftlich schwächelnden Rumpfstaat England mit einem rumorenden Appendix Wales. Schlechtester Premierminister seit 250 Jahren – wenn das reicht“.
Dennoch beteuert sie bisher tapfer „Brexit heißt Brexit “ – und gleichzeitig will sie nicht vor Jahresende die Ausstiegsprozedur starten. Die Zeit läuft gegen sie. Denn beinahe täglich entlarven sich die Versprechen der EU-Aussteiger als heiße Luft, wonach Großbritannien wirtschaftlich nicht leiden werde. In nur wenigen Tagen seit der Volksabstimmung ist die „AAA“-Kreditwürdigkeit über Bord gegangen, britische Bankaktien sind um 30 Prozent gerutscht, die Notenbank steht vor einer erneuten Zinssenkung, das Pfund sinkt und sinkt und der Mobilfunkkonzern Vodafone und andere Unternehmen denken laut über den Umzug in die EU nach.

Der Druck auf London wächst
Auch etliche Banken haben die Packkisten zumindest in den Flur gestellt. Ein echter Nervenkrieg ist entbrannt.
Der Druck auf London wächst also zweifellos. Und die EU braucht derzeit nur weiter abzuwarten. Mit Recht lässt sie die neuen politischen Lenker in London im eigenen Saft schmoren, die gegenüber ihrem Volk noch immer von „informellen Vorverhandlungen“ mit Brüssel sprechen, wo es keine geben wird.

Der Financial Times-Kolumnist Martin Wolf fasst treffend zusammen, mit welch verzweifelten Strategieüberlegungen sich auch Theresa May schlaflos im Bett hin und herumwerfen dürfte: Der Todeskandidat sagt zum König, er könne seinem Pferd das Singen beibringen. Schön, antwortet der König, aber wenn mein Pferd in einem Jahr nicht singen kann, dann wirst du aufgeknüpft. Du kannst doch einem Pferd gar nicht das Singen beibringen, sagt der Zellengenosse dem Todeskandidaten, nachdem die Hinrichtung aufgeschoben wurde. Ich habe nun ein Jahr mehr zu leben, antwortet der. Der König könnte sterben, das Pferd könnte sterben, ich könnte sterben – oder aber das Pferd könnte singen.

 

Der Autor: Titus Kroder nimmt an dieser Stelle in loser Folge zum Jahrhundertereignis "Brexit" Stellung. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für SCRIPT Consult und war davor langjähriger Großbritannienkorrespondent für deutsche Wirtschaftsmedien wie Handelsblatt und Financial Times Deutschland. Er lebt und arbeitet in London und zeitweise München.

Wir gratulieren!

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Wir sind stolz, unseren Beitrag dazu geleistet zu haben.

Der SABRE Award wird jährlich vergeben für "Superior Achievement in Branding, Reputation & Engagement".

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Wir sind zuversichtlich

Wir sind zuversichtlich

Tatkraft, Orientierung und Motivation bauen auf Zuversicht. Und die Zuversicht war es, die uns vor zehn Jahren dazu bewegte die Agentur SCRIPT in Frankfurt zu gründen. Die Bedeutung der Zuversicht erkennen wir oft erst, wenn Menschen ihren Mut, Unternehmen ihren Plan, Teams ihre Orientierung und Organisationen ihre Struktur verlieren. Daher haben wir uns zum Jubiläum mit dem Phänomen auseinandergesetzt. Das Ergebnis ist eine Sammlung an Überlegungen und Fundstücken.

Zur Website: www.wir-sind-zuversichtlich.de

Michael Behrent

Script Consult GmbH, Isartorplatz 5, D-80331 München, Germany, info@script-consult.de, +49 (0)89 242 104 10